
Ich war nie genug
Siegmund Grieglgut kann arbeiten, Verantwortung übernehmen und für andere da sein. Was ihm schwerfällt, ist der Gedanke, dass er auch ohne all das etwas wert sein könnte. In „Ich war nie genug“ erzählt Roland P. Bayer von einem Menschen, dessen Leben von einer Hoffnung begleitet wird: irgendwann die Anerkennung seiner Eltern zu erhalten.
Diese Hoffnung reicht bis in seine Kindheit zurück. Siegmund wächst in einem Haus auf, in dem Regeln wechseln, Stimmungen über Sicherheit entscheiden und Fehler Gewalt nach sich ziehen können. Er lernt, aufmerksam zu sein, Erwartungen zu erraten und sich selbst zurückzunehmen. Was ihn als Kind schützt, prägt später seine Beziehungen und seinen Umgang mit Verantwortung. Auch außerhalb des Elternhauses bleibt das Gefühl, sich seinen Platz erst verdienen zu müssen.
Seine Geschichte wird aus der Perspektive eines vertrauten Erzählers entfaltet, dem Siegmund über die Jahre Einblick in sein Leben gewährt. Aus Gesprächen, Erinnerungen und gemeinsam erlebten Momenten entsteht das Porträt eines Mannes, auf den andere sich verlassen können, der sich selbst jedoch wenig zugesteht. Berufliche Leistungen und neue Beziehungen tragen die Hoffnung auf Veränderung in sich. Zugleich zeigt sich, wie hartnäckig vertraute Muster einen Menschen begleiten können.
Wärme findet Siegmund bei seiner Großmutter und später in einer Partnerschaft, die ihm einen anderen Umgang mit Nähe eröffnet. Solche Erfahrungen machen spürbar, was ihm gefehlt hat. Dennoch behält die Anerkennung seiner Eltern ein besonderes Gewicht. Der einfache Satz „Ich bin stolz auf dich“ steht für etwas, das sich durch Leistung allein offenbar nicht erreichen lässt.
Mit ruhiger Sprache, trockener Ironie und einem genauen Blick auf alltägliche Verletzungen erzählt „Ich war nie genug“ von familiärer Prägung und dem Wunsch, gesehen zu werden. Der Roman führt durch ein Leben, in dem Pflicht und Sehnsucht eng miteinander verbunden sind. Dabei bleibt eine Frage gegenwärtig: Wie erkennt ein Mensch seinen eigenen Wert, wenn er so früh gelernt hat, an ihm zu zweifeln?
